Freitag, 11. Dezember 2015

enterisch

kennen sie den begriff "enterisch"? im volksmund bedeutet das so viel wie unheimlich. unheimlich ist mir zumute beim gespräch mit fabian. über die persönlichen umstände, die zu diesem gespräch geführt haben, hülle ich mich in schweigen.

fabian lebt in einem hospiz. sein zustand ist anhaltend schlecht, aber einigermaßen stabil. er schläft viel, bekommt ständig schmerzmittel verabreicht, ist aber im gespräch vollkommen klar und geistesgegenwärtig.

fabian macht einen sehr entspannten eindruck. irgendwie scheint er mit allem abgeschlossen zu haben. ob er angst habe, frage ich ihn. er habe keine angst. als er merkte, dass er sich in die richtung auf den letzten weg begebe, habe er sich viel mit dem thema tod befasst. er habe alles gelesen, was massgeblich zu diesem thema geschrieben wurde. seitdem habe er keine angst mehr vor dem tod. im gegenteil, er lasse ihn auf ihn zu kommen. schmerzen habe er dank der medikierung keine. eigentlich hatte er eine schlechte prognose von max. 6 wochen lebenserwartung. aber das ist jetzt eineinhalb jahre her. er sei seit dem austherapiert, werde im hospiz sehr gut versorgt. sein zustand ist aus medizinischer sicht schlecht, aber er verschlechtert sich seit eineinhalb jahren nicht mehr spürbar.

schon fast begeistert redet fabian über den sterbeprozess, wenn es dann so weit wäre. von den körperlichen vorgängen, der ablösung der seele, dem hellen tunnel, und der tatsache, dass sich die seele dann einen aufenthaltsort nach seiner wahl suchen könne. das dürfte ihm wohl am besten gefallen.

fabian hat eine schlimme vergangenheit hinter sich. er war erfolgreich im finanzgeschäft tätig, hatte familie, drei kinder. großes haus, mit hohen schulden vorfinanziert, aber das ist für einen guten banker ja kein problem. eines tages kam es zum streit. die einst harmonische beziehung kippte ins totale gegenteil. seine frau knallte regelmäßig durch, die kinder wurden zum streitobjekt von macht und status und es folge ein rosenkrieg, in deren folge das haus draufging, er mit hohen unterhaltsforderungen eingedeckt wurde, in eine schwere depression verfiel und letztendlich berufsunfähig wurde. hätten ihn in dieser zeit nicht seine eltern durchgefüttert, wäre er wohl obdachlos geworden.

mit der depression kam die krankheit. er wisse, warum er diese krankheit habe. und kenne viele fälle, die in solchen konfliktsituationen die gleiche krankheit bekommen hätten. realistisch heilbar ist seine krankheit nicht, auch wenn ihm immer wieder tolle heilerfolge vorgeschwärmt wurden. mit ein bisschen glück schreitet sie nicht oder nicht so schnell voran. nach vier jahren erfolgloser therapie wurde er als unheilbar entlassen, auf schmerzmittel eingestellt, mit einer prognose von max. 6 wochen. da er seinen nunmehr gebrechlichen eltern nicht zur last fallen wollte, versuchte er im hospiz unterzukommen. da liegt er nun, die meiste zeit, auf den tod wartend.

irgendwie scheint sich fabian auf den tod zu freuen. "wenn das stimmt, dass meine seele nach meinem ableben sich dort aufhalten kann, wo sie will, ich glaub, dann werd ich ständig bei meinen kindern sein." und die könnten sich gar nicht wehren. verschmitzt grinst er über das ganze gesicht. kurze zeit nach der trennung wurde fabian fast vollständig von seinen kindern weggesperrt. die gehirnwäsche der mutter habe das übliche dazu beigetragen. seine kinder meiden auch jetzt jeden kontakt. ob er sie vor seinem ableben nochmals sehen werde, wisse er nicht. aber das sei ihm mit seinem wissen inzwischen egal. denn er werde sie sicher bald wiedersehen, und sie werden es möglicherweise gar nicht merken.

fabian wird müde. er bittet nun in ruhe schlafen zu dürfen. ich danke ihm für das gespräch und wünsche ihm auf seiner reise alles gute.

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