Freitag, 15. September 2017

depressiv

im zuge eines besuches einer fachmesse treffe ich jakob. jakob ist ein schulkollege. in der klasse waren wir damals nicht so viel zusammen, aber mit den jahren hat sich eine sehr gutes verhältnis ergeben.

jakob macht einen sehr depressiven eindruck. ich versuche vorsichtig auf seine stimmung einzugehen. weisst du, meint er, es geht mir ziemlich dreckig. allmählich habe der das gefühl, nur mehr arschlöcher am hals zu haben. von den arschlöchern in der familie wegzukommen sei schwierig, das dauere und koste viel substanz. dazu komme, dass er nun in der dritten beziehung in serie gelandet sei, wo sich auch die frau als arschloch besonderer güte entpuppt hat. dabei vermeide er es, nicht wieder in die selben krisen-situationen hineinzurutschen. die letzte begann ihn vor einigen monaten zu quälen und zu foppen, bis das mass voll war und er den hut drauf schmiss. er packe es einfach nicht mehr. auch gesundheitlich fühle er sich besonders unwohl. er sei sich sicher, dass der körper gerade was ausbrüte. er rechne mit einem schwerwiegenderen gesundheitlichen  problem. sein kopf fühle sich an, als wäre da ein pfropfen drin, und in seinem bauch vernehme er häufige komische krampf- und schmerz-zustände.

er habe mit seiner situation schon abgeschlossen. obwohl er ein äußerst belastbarer mensch war über fast fünf jahrzehnte, sei seine kraft und sein überlebenswille nun ziemlich aufgebraucht. wenn ihn eine schwerwiegende diagnose treffen sollte, werde er keine lebensverlängernden massnahmen treffen. er wüsste nicht, warum er dieses ständige leid unnötig verlängern sollte. es seien leidenszustände, überwiegend seelische leidenszustände, für die die meisten menschen keine vorstellung hätten.

einige jahre hätte er versucht, die schmerzen mit alkohol zu betäuben. anfangs auch mit hyperaktivität. sport und körperliche belastungsgrenzen ausloten, wenn die spannung im kopf unerträglich geworden sei, das habe eine zeitlang funktioniert. der endorphin-rausch mache süchtig, bis die nachfolgenden körperlichen schmerzen unerträglich werden. irgendwann sei er dann ständig auf dem zahnfleisch daher gekrochen und alles was noch irgendwie brennbar war an seiner seele, ist ausgebrannt.

ich mache mir ernsthafte sorgen um jakob. ich versuche es vorsichtig ihm gegenüber auszudrücken. ja, meint er, dieses unerträglich gewordene leiden zu beenden, wenn die schmerzen anhaltend unerträglich werden, das sei für ihn seit einigen monaten zu einer ständigen option geworden. er denke immer öfter darüber nach, was mit seinem unternehmen und den anderen verlassenschaften passieren sollte, wenn er nicht mehr am leben sei.

ich gestehe, mit dieser situation überfordert zu sein. ich weiss keine antwort. für menschen in einer situation wie der von jakob gibt es in unserer gesellschaft kein wirksames auffangnetz. ich entsinne mich gehört zu haben, dass 80 % der suizide von männern begangen werden. dass zumindest zwei drittel der alkoholkranken männlich sind. aber das interessiert niemand. sind ja keine frauen davon betroffen. würde es frauen betreffen, würde eine ganze intifada das in den medien von früh bis spät in allen möglichen medien rauf- und runter-beten. das frauenministerium würde arbeitskreise einsetzen, die regierung einen notfallplan einrichten, die caritas würde geld für frauen in solchen notsituationen sammeln, die frauenhilfe würde eine notrufnummer installieren.

männer leiden still. doch dafür fehlt der gesellschaft die wahrnehmung.

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